Horror vor der Haustür
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Horror vor der Haustür

Horror vor der Haustür

„Bist du im OEZ ?!!!“ kommt die Frage einer Freundin auf WhatsApp. Es ist kurz nach sechs Uhr Abends. Ich wundere mich über die Ausrufezeichen und schreibe nicht gleich zurück. Die nächste Nachricht „Hallo???“. „Nein! War doch zu faul!“, schreibe ich zurück. Eigentlich wollte ich heute zum Apple Store im OEZ und meine kaputten Kopfhörer umtauschen, aber ich war schlicht zu faul. „Gott sei Dank!“ Ich schaue verwirrt auf mein Handy. Meine Freundin ruft an. Sie ist aufgeregt, ihre Stimme überschlägt sich fast. „Schießerei im OEZ! Anscheinend Tote und Verletzte!“ ruft sie ins Telefon.

Mutmaßliche Fotos von Opfern und Tätern, was soll das?

Auf Twitter überschlagen sich die Nachrichten. Ein Terroranschlag? Ein Täter? Mehrere Täter? Jihadisten? Nationalisten? Mein Handy klingelt ununterbrochen. In meinem WhatsApp-Gruppen steht „Geht’s Euch allen gut? Seid ihr safe?“ Es werden Fotos und Videos herumgeschickt, auf denen vermeintliche Opfer tot auf dem Boden liegen. Fotos von den vermeintlichen Tätern. „Was soll das?“, schreibe ich. „Wieso schickt ihr das rum? Geht nach Hause, weg von der Straße!“ Die Stimmung ist irgendwo zwischen Bestürzung und Sensationsgeilheit.

Laute Sirenen von Polizeiautos und Krankenwägen zerreißen die ruhige Abendstimmung in Schwabing. Die nächsten Stunden sitze ich auf dem Balkon und starre auf meinen Laptop. Mehrere Tabs geöffnet. Auf Twitter kommen sekündlich neue Meldungen unter den Hashtags #OEZ, #Muenchen, #Munich rein. Jeder, der in München ist und ein Smartphone hat, teilt sein Wissen. Besser gesagt sein gefährliches Halbwissen. Und in diesem Zusammenhang stimmt „gefährlich“ wirklich. Es werden Gerüchte gestreut. Zweite Schießerei am Stachus. Nein, am Isartor! Alles Quatsch. Meine Mitbewohnerin ruft an. Sie ist in der Innenstadt und hat in einem Shop Unterschlupf gefunden. Sie erzählt mir, die Leute am Stachus seien panisch weggerannt. Massenpanik, obwohl keine Gefahr besteht, wie sich erst eine Stunde danach herausstellen wird.

Die sozialen Medien informieren schnell, zu schnell – überstürzt  Es wird nicht mehr gegengecheckt, nur noch raus mit den Informationen. Das ist sicher edel gemeint, die Leute, die sich am Stachus am Isartor aufhalten müssen schließlich gewarnt sein. Das macht den Polizisten und Einsatzkräften die Arbeit unglaublich schwer, alles muss überprüft werden. Die Münchner Polizei dagegen macht einen großartigen Job auf Twitter. Erst nur auf Deutsch, dann auf Englisch, Französisch, Spanisch und Türkisch informiert sie, was sie bestätigen können, geben Anweisungen, zuhause zu bleiben, keine Fotos oder Videos zu posten, die den Tätern, die vermeintlich noch auf der Flucht sind, in die Hände spielen könnten. Das ist der Polizei hoch anzurechnen. Nicht nur, weil sie damit so viele Menschen wie möglich informiert, sondern auch, weil es zeigt, dass München eine Stadt mit vielen Nationalitäten ist und es kein Angriff auf Deutsche, Deutschland oder den Westen ist, wie es sofort in den sozialen Netzwerken heißt, sondern ein Anschlag auf die Gesellschaft, die Weltstadt München.

Ein Lichtblick in dieser Chaos-Nacht ist auch der Pressesprecher der Münchener Polizei, Marcus da Gloria Martins. Kurz nach halb zehn Uhr tritt er vor die Journalisten, die ihn umkreisen. Mit schwarzumrahmter Brille, ernster Miene und fester Stimme vermittelt er ein Sicherheitsgefühl, die Lage im Griff zu haben und beantwortet alle Fragen der Journalisten souverän und kompetent, auch wenn die Fragen redundant sind und der ein oder andere Journalist von einer Suggestivfrage nicht ablassen kann oder will. Auf solche zu antworten wäre „hochgradig unseriös“. Stimmt!

Manche Medien sind nur auf Sensationsgeilheit aus 

Einige Journalisten und Sender, das muss man an der Stelle auch sagen, haben sich an diesem Abend wirklich disqualifiziert. Etwa CNN, die ernsthaft versucht haben, die einzelnen Läden im OEZ anzurufen, in der Hoffnung, dass sie einen exklusiven Blick der Szenerie bekommen. Das ist vor allem eins: geschmacklos und hat mit seriöser Berichterstattung nichts zu tun, sondern ist schlicht Sensationsgeilheit, mehr nicht.

Andere deutsche Medien konnten es nicht lassen, die nicht bestätigten Gerüchte in den sozialen Netzwerken aufzunehmen und weiterzuverbreiten. Andere Reporter und Korrespondenten dagegen haben einen sehr guten Job gemacht, nichts als Tatsachen verkauft, was nicht bestätigt war. Gut, vielleicht fragt sich der ein oder andere, warum es denn einen sechsstündigen Brennpunkt braucht, bei der die Inhalte redundant werden und die immer gleichen Köpfe sprechen, die auch nicht mehr wissen. Aber vielleicht ist es in so einer Situation wichtig, Menschen vor sich auf dem Schirm zu haben, die mit Seriosität wieder und wieder eine Übersicht der Lage geben, die dort sind, wo wir nicht sein können und uns über Neuigkeiten informieren und irgendwo Menschlichkeit vermitteln, wenn doch kurz Angst und Verzweiflung in ihrem Blick aufblitzt.

Menschlichkeit – ein Aspekt, der in dieser kalten Nacht ein bisschen Wärme gegeben hat

Menschlichkeit. Das war auch so ein wichtiger Aspekt, der in dieser kalten Nacht ein bisschen Wärme gegeben hat. Unter dem Hashtag #offenetür haben Münchner ihre Wohnungen angeboten für Menschen, die draußen auf der Straße herumliefen und nicht nach Hause konnten, weil die öffentlichen Verkehrsmittel den Betrieb eingestellt hatten. Wahrscheinlich haben nur wenige die Aufrufe, die meine Timeline pflasterten, wahrgenommen. Aber darum geht es nicht, sondern um das Zeichen, dass es sendet. Solidarität. Moscheen hatten ihre Türen geöffnet, ebenso wie die Bayerische Staatskanzlei. Du bist nicht allein in dieser schrecklichen Nacht. München steht zusammen. Wir stehen zusammen.

Am Morgen der Horrornacht sind neun Todesopfer bestätigt. Der Täter, ein Deutsch-Iraner hat sich selbst gerichtet. Über das Motiv ist zum Zeitpunkt, da ich diese Zeilen schreibe, noch nichts bekannt – Terroranschlag oder Amoklauf? Sicher ist nur, gestern war München Paris, Brüssel, Nizza … Nichts, womit man an einem lauen Sommerabend mit aufziehenden Wolken denkt.

Wir müssen uns mit der Terrorgefahr arrangieren, uns aber nicht einschüchtern lassen

Jeder von uns hätte am Freitagabend in der Münchner Shopping Mall sein können, jeder von uns hätte damals in Brüssel, in Paris, in Nizza Freunde besuchen, auf einem Business-Trip im Urlaub sein können. Wer von uns ist nicht schon in einer bayerischen Bimmelbahn gesessen, wie in der in Würzburg. Mit der Möglichkeit eines Terroranschlags zu jeder Zeit an jedem Ort müssen wir uns wohl in unserem Alltag arrangieren. Das heißt aber nicht, dass wir uns davon einschüchtern lassen sollten und nicht mehr rausgehen, nicht mehr auf Festivals, in Shopping Malls, auf großen Veranstaltungen gehen sollten. Deshalb sitze ich am Morgen nach dieser schlimmen Nacht mit Freunden in einem Schwabinger Cafe. Es ist alles wie immer, vielleicht ist ein bisschen weniger los auf den Straßen, das Lachen ist nicht so laut, wie sonst. Hin und wieder ist noch das Surren eines Hubschraubers zu hören.

Eine Freundin mit tunesischen Wurzeln berichtet, sie habe gestern einen Tweet bekommen „Geh dahin zurück, wo du her kommst. Die Willkommenskultur ist nach gestern endgültig vorbei!“ „Aber was soll ich denn in Landshut?“ fragt sie. Sie lacht ein bitteres Lachen. Auch am Nachbartisch hört man hinter vorgehaltenem Mund die Worte „Flüchtlinge“, „Multikulti“, „Terror“ „kein Wunder“. Auch wenn über das Motiv, die Hintergründe noch nichts bekannt ist. Allein die Tatsache, dass der Täter Deutsch-Iraner ist, reicht vielen wohl schon aus für Spekulationen. Da wird mir wieder klar, wir müssen in diesen Zeiten aufmerksamer werden. Solche Aussagen nicht einfach so stehen zu lassen und sie quellen lassen, sondern herauszufordern, zu hinterfragen.

Lasst uns das Herz unserer Weltstadt, das sich Freitagabend so warm gezeigt hat, nicht kalt werden!

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